Gemini
Ich war ja eigentlich schon immer ein Fan des "Small Internet". Als ich das erste Mal in einem Poolraum vor einem Rechner mit Standleitung saß, also ohne Einwahl per Modem und VT100-Terminal, sondern an einem Win3.11-Gerät, das "richtig" an das große, weite Internet angeschlossen war, gab es im "Program-Manager" neben Icons für WWW und E-Mail auch einen Gopher-Client. Das WWW war interessant, denn man hörte viel davon, aber ich hatte absolut keine Ahnung, was ich dort hätte aufrufen sollen. Ich wusste, daß der Spiegel im WWW ist und das Weiße Haus, aber was sollte man da? Von Yahoo und Altavista hatte ich noch nichts gehört und ich weiß auch nicht, ob ich in der Bibliothek ein gedrucktes WWW-Verzeichnis gefunden hätte.
Spannender war Gopher. Der lokale Client hatte gleich die lokalen Dienste - z.B. ein schwarzes Brett - und ein Linkverzeichnis als Startseite. Von da aus konnte man sich dann durchklicken, also "surfen". War das "surfen"? Ich hatte keine Ahnung. Weder davon, was Gopher für ein Protokoll ist, noch wusste ich, wie es funktioniert. Höchstens indirekte Erfahrung hatte mit BBS-Systemen, in die man sich wohl einwählen konnte - aber das hier, das war ja weltweit verknüpft, das war das Internet.
Das WWW ging dann ziemlich schnell auf die Überholspur auf der Datenautobahn (sorry für diese Phrase) und mit dem Erfolg kam eigentlich auch schon sein Eternal September: Die großen Firmen zogen ins Internet. Und zwar nicht nur mit eigenen Webseiten, die keinen interessierten, sondern auch mit E-Commerce. Und damit kam die Bannerwerbung und später SEO. Plötzlich war das WWW nicht mehr nur eine verlinkte Textsammlung mit wilden Hintergrundbildern und animierten GIFs, sondern ein Abgrund aus Flash-Gewackel und JS-Popups. Mit dem "Web2.0" wurde es dann schlimmer, statt besser: Zwar waren Blogs und RSS wohl so eine Art Rückbesinnung auf das "pure" WWW, die andere Seite von "Social Media" waren jedoch AdSense-Klickbetrug und gated communities, die zwar die Nutzer einhegten, um ihnen noch zielgerichtetere Werbung zu zeigen, sie andererseits aber auch nicht vor Mißbrauch schützten.
Nebenbei hatte sich HTML von einfachem Markup hin zu einer Basis für komplizierte GUIs verschlimmert, die Inhalte sollte in jedem Browser gleich aussehen, der Nutzer bekommt eine Web-Anwendung statt semantisch annotierter Informationen. Für mobile Endgeräte geht man heute noch einen Schritt weiter: Für jeden Service gibt es einen eigenen Browser, der einheitliche Client wird durch eine Vieluahl von einzelnen Apps ersetzt.
Das ist alles praktisch und schön und es blinkt, aber es gibt gute Gründe, warum es Gegenbewegungen gibt. Zu diesen Gegenbewegungen gehört sicherlich das Fediverse, das "Publish your own"-Prinzip mit Feeds, P2P-Networks und Autonomiebestrebungen bis hin zu kompletter physischer Dezentralisierung mit Mesh-Netzwerken. In der "Nostalgie-Ecke" gab es in den späten 2010er Jahren einen Boom neuer Gopher-Server und damit auch neuere Protokolle wie Gemini.
Neulich haben mich GitHub-Pages wieder an das Small Internet erinnert: Entwickler legen ja dort meist ihre persönlichen, statischen Webseiten hin, den Quellcode als Repository, ohne WordPress und Datenbank. Also eigentlich Informationen, die man eigentlich auch mit einem einfachen User Information Protocol übermitteln könnte und, die vielleicht besser im Fediverse aufgehoben wären als auf Microsoft-Servern.
Mein Problem mit dem WWW in seinen Anfängen, keinen Ort zu haben und kein Ziel zu wissen, wurden durch kostenloses oder finanzierbares Aufsetzen eigener Seiten und durch das Aufkommen von funktionierenden Suchmaschinen (wie damals Google) wett gemacht. Das war zwar noch immer kein semantisches Web, aber besser als nichts - wobei sich aber schon früh zeigte, daß Nutzer nicht nach Keywords suchen wollen, sondern nach Zusammenhängen, Konzepten und Absichten. Was früher eher hilflose Suchanfragen in Form von Fragesätzen waren, ist seit Assistenzsystemen wie Siri und spätestens heute, mit LLMs als de-facto Semantic-Web-Ersatz, eine normale Websuche und kein Problem mehr. Sprachmodelle, die ihre semantischen Informationen implizit aus Text lernen (und aus den Information, die dann wirklich mal umständlich semantisch annotiert wurden) liegen heute für den Standard-Nutzer hinter Webchat-GUIs oder poppen wie Clippy schlimmstenfalls als Assistenten irgendwo zusätzlich auf. Andere LLMs durchforsten als Agenten das Netz oder Datenbanken für semantische Suchen, Self-Improvement oder sonstige Aufgaben - alles im Grunde rein (oder größtenteils) textbasiert. Ob so genuin neue Inhalte entstehen können ist stark zu bezweifeln, aber sicherlich können LLMs helfen, unstrukturierte Daten zu strukturieren und dann auch so bereit zu stellen statt sie als Ausrede zu nutzen, Daten nicht mehr strukturieren und semantisch annotieren zu müssen. Im Grunde zeigen sie uns nur das, was wir eh bereits in Texte gepackt hatten.
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| gemchat - "WebChat" für Gemini, hier im Lagrange-Browser |
Da ich hier momentan ein kleines LLM per vLLM und mit API laufen habe, kam mir der Gedanke, Sprachmodelle und das Small Internet zusammen zu bringen. Auf Basis des Gemini-Servers Jetforce habe ich deshalb aus Spaß einen keinen Chat-Client für Gemini geschrieben. Tatsächlichen Nutzen sehe ich für so einen Chat eigentlich erst bei Tool-Nutzung, also z.B. wenn das LLM Anfragen für strukturierte Daten formuliert und die Antwort zurückgibt. Und warum dann für den Nutzer nicht gleich als einfach annotierter Text?
Labels: maschinelles Lernen, Netz, nur so, Serverwelt


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