14 Juli 2014

Schreibmaschine

Der NSA-Untersuchungsausschuß scheint tatsächlich zu überlegen, auf modernere Technik zu verzichten, um einer Überwachung durch Geheimdienste zu entgehen. Plakativ wird davon gesprochen, wieder auf die gute alte Schreibmaschine zurückzugreifen und man muß nicht sehr viele Yps-Hefte und Krimis gelesen oder schlechte Agententhriller gesehen haben, um sofort an das Auslesen von Karbonbändern zu denken oder an Wanzen, die die Bewegung des Kugelkopfes aufzeichnen.
Spektrogramm OlympusDeLuxe Reiseschreibmaschine

Selbst bei einer guten alten mechanischen Schreibmaschine mit Typenhebeln wird es wohl irgendwie möglich sein, allein an den Tippgeräuschen schon einiges oder alles an getipptem Text zu rekonstruieren. Ich habe zwar keine große Lust, da jetzt ein Proof of Concept zu basteln, aber allein der Blick auf ein Spektrogramm von ein paar Anschlägen (XX-X-0-X) auf einer alten "Olympus De Luxe" genügt, um zu erkennen, dass man einzelne Anschläge sehr gut segmentieren kann und sich das Anschlagsgeräusch der Leertaste deutlich von dem der anschlagenden Typenhebeln unterscheidet. Das Spektrogramm zeigt hier zwei schnelle Anschläge hintereinander, dann einen einzelnen, Leertaste (Drücken und Loslassen), gefolgt von wieder einem einzelnen Anschlag.
Untersuchte man so die Aufnahme von kontinuierlichem Tippen, man könnte die einzelnen Anschläge segmentieren, man hätte durch die Leertaste die Wortgrenzen und könnte dann auch auf getippte Wörter schließen. Hierbei würde man vermutlich nicht die Unterschiede zwischen einzelnen getippten Buchsstaben untersuchen, sondern bei einem Zehn-Finger-Tipper die Muster kompletter getippter Wörter.
Gut, gehen wir davon aus, dass sich der Ausschuß in einem schallisolierten Raum trifft und es keine Audiowanzen gibt, dann bleibt noch das Problem der Unterlagenkopie, die man nicht mit Kohlepapier sondern an einem isolierten Fotokopierer, dessen Speicher man löschen kann, anfertigen müsste. Und derjenige, der die Geheimakten verwaltet darf (anders als bisher) natürlich auch nicht für einen ausländischen Geheimdienst arbeiten und ...
Entschuldigung, aber ich komme mir bei der ganzen Sache gelinde gesagt veräppelt vor: Der Verfassungsschutz hilft den Mitgliedern des Untersuchungsausschuß bei der Geheimhaltung, da es beim BND Spione gibt, die Daten an die NSA weitergeben? Oder weil BND und NSA eh zusammenarbeiten? Weiß man ja nicht, müsste der Ausschuss ja erst untersuchen. Kann er das so überhaupt?
Also nichts dagegen, dass der Ausschuß seine Handys ausschaltet, nicht via Google-Hangout tagt und geheimere Dinge vielleicht mal verschlüsselt, aber zurück zur Schreibmaschine? Weil es vor dem Informationszeitalter noch keine Geheimdienste, Agenten und Spione gab? Aha.
Halten wir fest, dass das der Vorschlag des parlamentarischen Kontrollgremiums sein soll, das sich mit der Datenspionage der NSA beschäftigt und nicht mal den wichtigsten Zeugen hören will: Eine Schreibmaschine.
Es ist ein Trauerspiel, wenn nicht eine Zirkusnummer.

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