10 Juni 2010

Public Viewing

...es geht wieder los. Leute treffen sich auf öffentlichen Plätzen und betrinken sich schauen zusammen Fußball. Da der Ort und die Tatsache dieser Zusammenkünfte irgendwie vermarktungstauglich benannt werden müssen, haben sich (seit 2006) die Begriffe "public viewing area" bzw. "public viewing" eingebürgert. So weit, so egal. Ich kenne eh niemanden, der von sich behauptet, zum "public viewing" zu gehen oder sein Bier in der "public viewing area" zu trinken. Es stört mich aber auch nicht, wenn z.B. jemand eine Liste mit allen Orten, an denen man gemeinschaftlich die WM sehen kann mit "public viewing" überschreibt.
Was mich hingegen schon seit vier Jahren stört ist das Gewitzel bzw. die Klugscheißerei darüber, "public viewing" bezeichne eigentlich die öffentliche Aufbahrung eines Toten. Ich bin kein Anglist und behaupte auch nicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber werfen wir doch eine Suchmaschine an und schauen mal, wie "public viewing" bei den native speakern tatsächlich verwendet wird:
Da gibt es z.B. eine Werbebroschüre, in der der "Hamble Community Sports Complex" beworben wird mit
The 20m 4 lane swimming pool is the perfect place to swim, the deep end is 1.97m and the shallow end 1.2m. A fully qualified RLSS Pool Lifeguard is on duty at all times. There is a public viewing area with vending machine facilities.
Igitt! Leichen liegen da neben dem Schwimmbad rum? Zwischen den Münzautomaten?
Auf dem "Telford & Wrekin Council Watch" findet man in einem Forumsthread zu einer Baustelle dann
A public viewing platform has now been set up at the side of the site to enable members of the public to go and watch the scheme progress themselves.
Was sollen sich die members of public da anschauen? Verstorbene auf oder von einer Plattform aus? Oder vielleicht doch die Baustelle selbst? Aber nicht nur Baufortschritte können public geviewt werden, sondern auch Pläne und Bekanntmachungen liegen öffentlich aus:
Public Viewing of Planning Data [...]
Allowing you to view recent planning applications, the local plan, appeals and decision registers and agendas and minutes of our planning & development team.
Und neben Schwimmbädern, Baustellen, Leichen und öffentlichen Bekanntmachungen kann man sich auch Sterne angucken (so jedenfalls die BBC zum Thema "New telescope open to public"):
They organise public viewing sessions as part of the society's aim to help educate the public in the science of astronomy.
Im englischsprachigen Raum kann man sich also beim "public viewing" eine ganze Menge ansehen und (da stimme ich Anatol Stefanowitsch voll und ganz zu) es ist halt einfach "ein Lehnwort, das im Deutschen eine engere Bedeutungsspanne hat, als im Englischen". Nur, weil es im Englischen auch eine Aufbahrung bezeichnen kann, muß ich mir diese Tatsache verpackt in eine Spachnörgelei, als Kampfthese für den Verfall der deutschen Sprache oder als Beleg für die Uninformiertheit und die mangelnden Fremdsprachenkenntnisse der Lehnwortbenutzer jetzt alle zwei Jahre immer und immer wieder unter die Nase schmieren lassen?
Nein, es nervt. Lasst es sein, es nervt wirklich. Das Ding mit der Aufbahrung ist etwas für Radiomoderatoren, die im Sommerloch noch einen blöden Witz am Rande brauchen, für Küchenpartygespräche, bei denen als Langeweile uninteressante Halbwahrheiten verbreitet werden. Hey, der Daumen ist gar kein Finger, Eisbären fressen keine Pinguine, bla.
Also nichts gegen Geschwätz, aber die Sache mit der Aufbahrung (eine Leichenschau ist btw. wieder etwas anderes) - ich bitte Euch! So, genug genörgelt.
Viel Spaß bei der WM und beim Public Viewing (z.B. in Trier).

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5 Comments:

At 17:17, Anonymous fidepus said...

Ich kenne eh niemanden, der von sich behauptet, zum "public viewing" zu gehen.

Ich gehe mal davon aus um ein bisschen dagegen zu nörgeln. Mir ist nämlich auch niemand bekannt, der das von sich behauptet und würde ich so jemanden treffen, dann würde ich ihn wohl erst mal ein wenig auslachen.
Nehmen wir also an, dass niemand wirklich so spricht, dann würde ich auch behaupten, dass sich das Wort nicht im allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert hat, sondern, dass das nur ein Marketingstunt ist. Ich bin wirklich ein Freund von dynamischer Sprachbetrachtung und ein gnadenloser Inklusionist von Fremdwörtern, wenn diese denn auch wirklich von echten Menschen benutzt werden aber ich bin ganz und gar nicht bereit mir die Sprache von irgenjemandem mit Profitinteressen verbiegen zu lassen. Ob also wirklich eine Verengung der Bedeutung und eine Adaption vorliegt oder nicht bleibt zumindest diskutabel.
Jetzt bin ich angehender Anglist und zweifle die Validität einer Google Suche als Quelle für die Häufigkeit einer Wortbedeutung einfach mal an. Ich sage auch nicht, dass der Eindruck den du da gesammelt hast falsch ist aber man müsste schon mal einen Blick in diverse Korpussammlungen werfen um eine qualifizierte Aussage treffen zu können.
Zum Schluss noch: Ja, Eisbären fressen keine Pinguine und Daumen sind keine Finger. Griechenland ist auch nicht Schuld am Euroverfall und der ist nicht mal so schlecht für Deutschland. Was spricht dagegen wenn zwei Leute vom Küchentisch aufstehen und danach ein bisschen schlauer sind als vorher?

(eine Leichenschau ist btw. wieder etwas anderes)
Merkste selbst, ne?

Fazit: Ich will hier überhaupt nichts vom Verfall der Sprache erzählen, den gibt es meiner Meinung nach nämlich überhaupt nicht und wenn, dann nicht mehr als "früher (TM). Das Gerede geht mir selbst schwer auf die Nerven. Ich bitte aber auch mal kurz darüber nachzudenken bevor man alles, was man auf mehr als drei Plakaten liest sofort für hippe neue Sprache hält und blind übernimmt.
Nix für ungut.

 
At 18:06, Blogger amorphe Welt said...

"dann würde ich ihn wohl erst mal ein wenig auslachen." - Nö, ich nicht. Ich halte es für durchaus legitim solche Veranstaltungen "public viewing" zu nennen und ich rotz auch in Tempos ;)
Natürlich sind das meist Veranstaltungen, bei denen Geld verdient wird und die brauchten einen 'hippen', einfachen Bezeichner. Und doch, ich glaube, daß es sich hier um ein inzwischen gebräuchliches Lehnwort handelt. Es wird halt nur nicht so oft benutzt, daß die ständige Kritik an dem Begriff irgendwie gerechtfertigt wäre.
Meines Erachtens sollte man bei der Kritik an dem Begriff im Hinterkopf behalten, daß insbesondere die direkte Übersetzung zu "Aufbahrung" eine Erfindung/Übersteigerung von Sprachpuristen ist, die solche und andere Lehnwörter im Deutschen generell ablehnen. Also kritisiert von mir aus die Kommerzialisierung im Sport oder die Werbesprache, aber verzichtet auf das morbide Todschlagargument in Sachen "public viewing". Das Weitertragen diese urban myth in Küchengesprächen halte ich für kontraproduktiv und, ja, nervig. Wenn also zwei vom Küchentisch aufstehen und der eine denkt danach, "public viewing" sei zwingend eine Aufbahrung und alle, die das Lehnwort benutzen seien Idioten, dann ist keiner von beiden ein bisschen schlauer, sorry, aber das seh' ich so.

(P.S.: Du hast natürlich Recht: Eine korpuslinguistische Untersuchung findet hier nicht statt. Die Googlesuche zielte auch nicht auf Häufigkeitsverteilungen.)

 
At 22:19, Anonymous Linguist said...

prinzipiell: ja, "public viewing" muss auch im englischen nicht immer das zurschaustellen einer leiche bedeuten. allerdings: die hier über google gefundenen beispiele im eintrag sind nicht alle als beweis dafür geeignet.

bespiel: "There is a public viewing area". das kompositum ist hier NICHT "public viewing", sondern die "viewing area", die in diesem fall "public", also öffentlich ist.

gleiches gilt für die "public viewing sessions". diese könnten nämlich auch expensive oder funny sein.

in beiden fällen ist es eher zufall, dass "public" und "viewing" zusammenstehen, was aber nichts mit dem eigentlichen kompositum zu tun hat, das wir normalerweise im deutschen verwenden. diese als beweis dafür zu nehmen, dass "public viewing" auch im englischen verwendet werden kann ist daher etwas problematisch.

richtig ist dagegen das dritte beispiel: "Public Viewing of Planning Data". hier geht es wirklich um das "öffentlich anschauen" der daten.

weitere beispiele gibt es hier und hier.

grüße,
ein linguist :)

 
At 22:35, Anonymous Linguist said...

als nachtrag: die "public viewing areas" aus dem ersten beispiel sind in der tat wohl das, was wir erwarten (macht sonst im schwimmbad wohl keinen sinn). bei der platform und den sessions allerdings bleibe ich bei meiner argumentation ;)

 
At 23:54, Blogger amorphe Welt said...

Ne, ok, das mit den Komposita sehe ich ein. Es gibt wahrscheinlich dutzende, ach abertausende viewing ares, viewing, sessions, viewing this and viewing that und viele davon sind bestimmt auch public. Nunja, ich bin kein native speaker und hätte wohl besser nach wirklich stichhaltigen Beispielen gesucht anstatt einfach mal (feeelin lucky) drauf los.
Und ich bin kein 11freunde-Leser (Asche über mein Haupt) sonst hatte ich gemerkt, daß das Thema für diese WM dort schon ganz gut abgehandelt ist.
Das sei mir bitte verziehen, denn die Leichenschauen und Aufbahrungen liefen mir in den letzten Tagen wieder mehrfach über den Weg, weswegen ich mit einer kleinen pochenden Ader auf der Stirn obigen Text runtergetippt habe. ;)
Und ich befürchte, das wird sich jetzt alle zwei Jahre wiederholen...

 

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