16 Februar 2011

copy&paste

Der Kunstunterricht an meiner ehemaligen Schule bestand hauptsächlich daraus, daß man irgendwelchen Tand zusammenbastelte, -schraubte und -malte. Über Jahrzehnte fertigte jeder Jahrgang immer wieder das gleiche Stilleben, eine ähnliche Skulptur, eine vergleichbare Plastik zu immer wieder der gleichen Aufgabenstellung an. Ein gewitzte Schülerin, die ihre Noten nicht nachvollziehen konnte, gab einmal in einem Jahr ein "Kunstwerk" einer anderen Schülerin aus einem höheren Jahrgang ab - und bekam für ein und dasselbe Werk auch sofort eine schlechtere Note. Damit war die Unvergleichbarkeit von Schulnoten (in anderen Lerngruppen, unter anderen Bedingungen ...) vortrefflich bewiesen. Darüber hinaus hatte die Schülerin, die das fremde "Kunstwerk" abgegeben hatte, ihre Note natürlich nicht verdient.
Von einem anderen Lehrer von mir stammt der nicht ganz PC-okaylidokaylige Spruch "das sieht ja der letzte Blinde", den man aber getrost ausrufen darf, wenn man Passagen der Doktorarbeit unseres geliebten Verteidigungsministers mit bestimmten Zeitungsartikeln auf (dann offensichtlich doch nicht so zufällige) Übereinstimmungen überprüft. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich betone, daß eine Schildkröte aus Speckstein, angefertigt in der 9ten Klasse, kaum mit einer Dissertationsschrift vergleichbar ist. Liest man die Tage durch Kommentare zu Artikeln zu dem Plagiatsfall kommt es einem jedoch so vor, als ginge es hier um den Lausbubenstreich mit der Schildkröte aus dem Kunstunterricht. Da wird munter durcheinandergequakt, die "linken Plagiatsaufdecker" sollten sich mal an die eigenen Nasen fassen, man hätte halt so lange gesucht, bis man etwas gefunden hätte und jedwede Kritik sei irgendwie unberechtigt und politisch motiviert.
Der Meinung von Max Steinbeis (Verfassungsblog) schließe ich mich in diesem Fall an: "Und außerdem könnte ich kotzen, dass die CSU einen so glashart dokumentierten, rein wissenschaftlich-methodischen Vorwurf als politisch motivierten Feldzug umzuetikettieren versucht. Wissenschaft ist nicht möglich, wenn man keine Methodenkritik üben kann, ohne politischer Motive verdächtigt zu werden."
Es geht hier nicht um eine x-beliebige Aussage aus einer Rede, die vom politischen Gegner mit gespielter Empörung niedergebrüllt wird. Auch geht es um keine Specksteinschildkröte aus der Mittelstufe. Hier geht es um größere Textabschnitte aus einer Veröffentlichung im wissenschaftlichen Rahmen, die nicht als Zitate kenntlich gemacht wurden. Und hier geht es auch nicht um eine Kunstnote sondern um eine Dissertation von jemandem, der sicherlich gerne seinen Titel durch die Gegend trägt.
Und es geht um wissenschaftliches Arbeiten und um Redlichkeit. Wo kommen wir denn hin, wenn das alles für Minister und Millionäre nicht mehr gilt? Wenn berechtigte Kritik dermaßen runtergemacht und die (simplen) Tatsachen unter den Teppich gekehrt werden? Es spielt einfach keine Rolle, ob ein Konservativer oder ein Marxist ein Plagiat als solches erkennt und anprangert. Da können Studierende aus dem ersten Semester ("Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten") kommen oder Leute, die mit Wissenschaft an sich überhaupt nichts zu tun haben. Ganz egal. Wenn jemand Thesen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen widerlegen kann oder erkennt, daß es sich bei der Veröffentlichung um ein Plagiat handelt, dann ist das zu prüfen. Damit man vergleichen, prüfen und widerlegen kann, genau dafür werden Ergebnisse überhaupt schriftlich festgehalten. Wäre dies nicht der Fall könnte jeder einfach (was interessiert mich mein Geschwätz von gestern) immer plötzlich das Gegenteil behaupten, Titel und Abschlüsse könnten von Professoren einfach nach gusto vergeben werden. Und auch wenn es der ZEITUNG (vgl. Böll) und den in anderen Fällen wahrscheinlich nach law&order schreienden Kommentatoren nicht in den Kram und die großen Titelseitenletter passt: Hinter einem akademischen Grad sollten mehr stehen als ein gut gefülltes Bankkonto und ein Adelstitel.

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